Die Kirchenmühle – ein Naturdenkmal

Die Kirchenmühle ist eine von vier Mühlen, die 1802 in Biberach verzeichnet wurden. Der Mühlbach (Gewerbekanal), der sie antrieb, zweigt auf der Gemarkung Unterentersbach vom Erlenbach, der wiederum resultiert aus dem Zusammenfluss vom Harmersbach und der Nordrach, durchquert den Ortskern von Biberach vom Südosten nach Nordwesten und mündet dort in die Kinzig.


3 Juli 2006

Die Kirchenmühle ist seit 1760 urkundlich fassbar, das ab 2006 renovierte Wohnhaus der Mühle auf „1725“ datiert. In einer Darstellung des Ortes aus der Mitte des 18. Jhs., ist die Mühle als eingeschossiger Baukörper mit Satteldach zu erkennen. 1869 wurde sie mit zwei Wasserrädern betrieben; sie enthielt drei Steinmahlgänge mit Putzmaschine, eine Hanfreibe und eine Schleife. 1902 wurde die Leistung der Energieerzeugung mit 5,9PS angegeben. In diesem Jahr übernahmen die Vorfahren des ehemaligen Besitzers den Betrieb. Sie erweiterten das Mühlengebäude im Dachbereich. Der Mühle wurde eine Bäckerei angegliedert.



Anno dazumal

Die Kirchenmühle setzt sich aus einem zur Straße liegenden Wohngebäude, dem sich daran anschließenden Mühlengebäude mit Energieerzeugungsanlage, der gedeckten Bachüberbauung, sowie den wasserbaulichen Anlagen für die Wasserkraft zusammen.

Das Wohnhaus ist eingeschossig mit Krüppelwalmdach und ist auf das Jahr 1725 datiert. Das anschließende Mühlengebäude ist zweigeschossig, wohl noch im 19. Jh. in Backstein errichtet, mit einer späteren Erhöhung im Dachbereich. Im Inneren eine Wasserturbine mit Energieerzeugungen und Antriebsvorrichtungen, Mühleneinrichtung vom 19. bis 1. H. 20 Jh.



Franzis Schachtturbine

Ursprünglich wurde die Wasserkraft mittels eines unterschlächtigen Wasserrades zum Antrieb der Mühle genutzt, Anfang des 20. Jhs. ersetzte man diese Antriebsart durch eine Franzis-Schachtturbine der Firma Scheller & Ruch, Oberkirch. Im Erdgeschoss der Antrieb mit Metall- und Holzrädern bzw. Zahnrädern und ledernen Transmissionsriemen. Ebenfalls im Erdgeschoss eine Abfüllvorrichtung, darüber der Mehlmischer mit Schnecke. Mischer und Abfüller sind von der Mühlenbau-Anstalt Rud. und L. Lehmann, Gengenbach, die mehrere Apparaturen in der Mühle gefertigt hat.



Walzboden

Im Obergeschoss der sogenannte Mahl- oder Walzboden, mit zwei Steinmahlgängen und drei Walzenstühlen. Die Steinmahlgänge stammen aus dem späten 18./ frühen 19. Jh.



Walzestuhl

Ein Walzenstuhl, wohl aus dem 19. Jh., wurde von der Firma Henry Simon, Manchester gefertigt, ein zweiter sowie eine Bürstmaschine zur Getreidereinigung wiederum von der Firma Lehmann.


Im ersten Obergeschoss, ursprünglich wohl dem Sichterboden, finden sich Trommel- oder auch Zentrifugalsichter. Sie waren die technischen Weiterentwicklung von Beutelsichtern und waren seit ca. 1860 in Betrieb. Parallel, bzw. die Trommelsichter ablösend, kamen um 1900 die sog. Sechskanter auf. Ein solcher befindet sich im nachträglich eingerichteten zweiten Dachgeschoss der Mühle. Dort auch der zuletzt in Betrieb befindliche Plansichter, der erst im 20. Jh. eingesetzt wurde. In den oberen Geschossen ebenfalls Reinigungsmaschinen.



Mehltransportsysteme

Erhalten sind auch die Mehltransportsysteme, Sackaufzug etc. An Zubehör sind u.a. Ersatzwalzen für die Walzenstühle, die Mehltruhe, Siebe, Waagen, verschiedene Werkzeuge und Ersatzteile vorhanden, wie auch ein Werbeplakat der Mühlsteinfirma Dettinger.

In der Mühle sind sämtliche für den Mahlbetrieb wichtigen und notwendigen Apparaturen vorhanden. Es finden sich Maschinen mit unterschiedlichem technischem Stand nebeneinander, veraltete Technik wurde nicht entfernt, sondern innerhalb des Gebäudes aufbewahrt. Die Mühleneinrichtung belegt damit sehr anschaulich die technische Entwicklung in Mahl-, Reinigungs-, und Sichtertechnik vom 19.Jh. bis zur Mitte des 20. Jhs. (danach fand keine Modernisierung mehr statt).

Die Kirchenmühle in Biberach ist ein besonders aussagekräftiges Beispiel einer kleinen bis mittleren Mahlmühle; die technische Entwicklung aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg, mit Wasserkraft über Transmissionsriemen betrieben, ist vollständig überliefert. Die Mühle ist ein Kulturdenkmal aus wissenschaftlichen, vor allem bau- und technikgeschichtlichen Gründen. Ihre Erhaltung liegt insbesondere wegen ihres dokumentarischen Wertes im öffentlichen Interesse.


Literatur: Josef Bühler u.a., Biberach im Kinzigtal – Ein Heimatbuch. Biberach, 1995 (Nachdruck); zu den Mühlen s. S. 50-56 u. 210-213.

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